Projekt: Deutsche NS-Opfer aus dem Nortorfer Raum


Claus Hans Rohwedder aus Gnutz,
verhungert in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld
  
20.05.1931 Geboren in Nortorf; er wohnt in Gnutz bei seinen Eltern, dem Landwirt Claus Rohwedder und seiner Ehefrau Maria, geb. Harms. 1933 erkrankt Claus Hans an Epilepsie. Die Anfälle treten bisweilen sehr häufig auf, bisweilen auch recht selten. In der Schule lernt er ein wenig lesen und schreiben, stört aber durch seine Anfälle und durch auffälliges Verhalten, vor allem, wenn er gehänselt wird. Nach einem halben Jahr muss er die Schule verlassen. Er spielt nicht mit anderen Kindern, geht aber gern zum Viehhüten und kann sich ein wenig auf dem Feld beschäftigen.
30.10.1940 Der Amtsarzt des staatlichen Gesundheitsamtes des Kreises Rendsburg (Name in der Akte unleserlich) erstellt ein Gutachten über den Gesundheitszustand von Claus. Er hält es für notwendig, den Jungen in eine Anstalt einzuweisen, teils um noch einen Bildungsversuch zu machen, teils wegen seines abnormen Verhaltens.
02.01.1941 Der Vater bringt Claus in das Landespflegeheim Schleswig-Hesterberg. Claus ist 138 cm groß und wiegt einen Monat später 39,4 kg. Nasenabstrich, Rachenabstrich, Stuhl und Urin - ohne Befund.
Januar 1941 - Februar 1944 Claus hat unterschiedlich häufig Anfälle: In manchen Monaten sind es nur zwei Anfälle (wie im Nov. 1942), in anderen Monaten fast 50 (wie im Sept. 1943).
03.01.1941 Gegen Diphtherie schutzgeimpft. Aktennotiz: Claus ist sehr unruhig und verwirrt. Gibt völlig unrichtige Antworten, wenn er gefragt wird. Will immer nach Hause zum Kühe melken. Hat schon verschiedene epileptische Anfälle gehabt. Ist dann völlig verwirrt; steigt dau-ernd aus dem Bett. Stand gestern im Hemd in der Fensterbank u. wollte das Fenster öffnen, sodaß wir ihn im Bett fixieren mußten.
03.02.1941 2. Schutzimpfung gegen Diphtherie.
15.02.1941 Aktennotiz: Claus ist im Allgemeinen sehr gutmütig, nur wenn er Anfälle be-kommt, wird er unruhig u. läuft ruhelos umher. Mit den anderen Kindern verträgt er sich gut. Spricht fast nur plattdeutsch und gibt mitunter recht drollige Antworten. Kann einfache tägl. Gegenstände richtig benennen, doch schweift er meistens gleich ab. Auf sein Äußeres ist er sehr sauber [?]. Auf Anfrage des Vaters berichtet die Oberin Benthin: Auf Ihr Schreiben vom 14.1.41 teile ich Ihnen mit, daß es Ihrem Sohn Claus mit Ausnahme seiner Anfälle gut geht. Er hat sich recht schnell eingelebt. Am 1ten Tag wollte er im-mer nach Hause und Kühe füttern, jetzt spricht er aber nicht mehr ... [unleser-lich: davon?]
16.04.1941 Claus wird in die Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld verlegt. Zuständig für ihn scheint aber weiterhin das Landespflegeheim Hesterberg zu sein.
01.05.1941 Claus erhält zwei Monate lang das damals übliche Mittel Prominal (2 Tabletten täglich) zur Dämpfung der Epilepsie. Er wiegt 37 kg.
01.07.1941 Das Mittel Prominal wird abgesetzt. Die restlichen 32 Monate seines Lebens bleibt er ohne jede Medikation.
12.09.1941 Aktennotiz: Claus hat häufig schwere Anfälle. Ist meistens verwirrt, gibt auf keine an ihn gestellte Frage eine richtige Antwort. Spricht meistens von seinen Erlebnissen im Elternhaus. In der Gruppe läuft er viel herum. Hin und wieder kneift er die anderen Kinder, doch ist er dann meistens gehänselt worden. Ihn zu einer nutzbringenden Arbeit heranzuziehen ist unmöglich, da er meistens völlig verwirrt ist.
07.10.1941 Durchleuchtung der Lunge: Ohne Befund.
01.12.1941 Claus wiegt 32 kg, hat 5 kg abgenommen.
03.02.1942 Nach Auflösung des Landespflegeheimes Schleswig-Hesterberg wird Claus von der Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld übernommen.
01.08.1942 Claus wiegt 27 kg.
02.08.1942 Aktennotiz: Geht körperlich sehr zurück. Sitzt meistens in einer Ecke u. lutscht auf den Fingern ... Während er früher gerne von seinem Zuhause sprach, ist er jetzt völlig teilnahmslos, wenn man danach fragt.
12.04.1943 Aktennotiz: Claus geht körperlich und geistig immer mehr zurück. Interessiert wird [wirkt?] er nur, wenn das Essen kommt.
01.02.1944 Claus wiegt 23,4 kg.
10.02.1944 Aktennotiz: Körperlich sehr hinfällig; tägliche Anfälle. Geistig völlig stumpf, liegt meistens und schläft. Appetit gut.
22.02.1944 Mitteilung an die Mutter, Frau Rohwedder (der Vater ist Soldat in der Wehr-macht): Bei Ihrem Sohn Claus sind die Krampfanfälle in letzter Zeit sehr häufig und schwer aufgetreten. Mit der Möglichkeit seines Ablebens muss leider ge-rechnet werden.
29.02.1944 Aktennotiz: Claus Rohweder aus Gnutz ... ist am 29.2.44 gestorben. Leichen-größe 161 cm. Soll vielleicht überführt werden. Telegramm an die Eltern mit der Todesnachricht.
Anfang März 1944 Auf Wunsch der Angehörigen wird Claus, der am 3. März in Schleswig beerdigt werden sollte, nach Gnutz überführt. Die Angehörigen finden eine Leiche, nicht in einem Sarg, sondern in Papier gewickelt, völlig abgemagert, mit sehr langen Haaren und ohne Fingernägel.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld wird festgestellt: In Schleswig gab es keine nachweisbaren Versuche an Menschen. Aber hier starben seit Dezember 1940 mehr Kinder als in der voraufgegangenen Zeit ... In der Abteilung der Oberin Hohensee z. B. verstarben in der Zeit vom September 1939 bis Mai 1945 nachweislich 171 von insgesamt 214 Kindern und Jugendlichen ... Auf welche Art und Weise "Euthanasie" durchgeführt wurde, ist heute nicht mehr mit Gewissheit nachzuprüfen. Es ist gut möglich, dass in Schleswig keine Medikamentenüberdosierungen verabreicht wurden, sondern dass die Kinder und Jugendlichen durch "Nichttherapie" dem Tod überlassen wurden.
An anderer Stelle heißt es in derselben Arbeit: Gezielte unterlassene Hilfeleistung bei schwerer Be-hinderten wird man den Ärzten der Kinderabteilung in Schleswig nachsagen müssen. In der Grauzo-ne gezielter Verwahrlosung, schlechter Ernährung und absichtlich unterlassener Therapie sind eine erhebliche Anzahl der betrachteten Todesfälle auf jeden Fall anzusiedeln. Ob darüber hinaus auch in Schleswig aktiv durch Spritzen getötet wurde, können wir nicht mehr beantworten.
Resümee: Claus Hans Rohwedder, zu Beginn des Aufenthalts in Schleswig 138 cm groß und 37 kg schwer, war bis zu seinem Tod um 23 cm gewachsen, hatte aber in derselben Zeit 13 kg abgenom-men. Auch die übrigen Einzelheiten seiner Krankengeschichte und die Umstände seines Todes lassen nur einen Schluss zu: Zu seinem Tod führte wahrscheinlich nicht eine tödliche Spritze oder eine Überdosierung eines Medikaments wie in anderen Kinderfachabteilungen des Deutschen Reiches, wohl aber - zumindest seit Beginn seines Aufenthalts in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld - absichtlich unterlassene Therapie, schlechte Ernährung und gezielte Verwahrlosung. Auch dies war eine Form der nationalsozialistischen "Kinder-Euthanasie".

Im NDR in der Sendung DAS wurde am 1.12.2016 der vom NDR gedrehte Film über Claus Rohwedder gezeigt, der HIER online zu sehen ist.


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Claus Rohwedder (rechts) mit seinem Bruder
Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld